Große Gefühle im kleinen Format

Ab April ist in Isny im Allgäu die erste große Ausstellung rund um den bedeutenden Postkartenmaler Eugen Felle zu sehen. Im Interview erzählt Projektleiterin Ursula Winkler, warum es Postkarten nur mit Emotionen gibt und was ein Bschütt-Fass mit Flügeln in der Ausstellung zu suchen hat.

Warum heißt die Jubiläumsausstellung um den Postkartenmaler Eugen Felle „Heimat_Panorama“?

Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Diese Definition gilt auch für das Werk von Eugen Felle. Er hat sich mit jeder Orts- und Landschaftsdarstellung intensiv auseinandergesetzt. Der Begriff Panorama leitet sich aus dem Altgriechischen ab und bedeutet ‚alles ganz sehen‘. Genau das hat das Projekt „Panorama_Partner“ in den letzten zwei Jahren gemacht.

Die Ausstellung ist also ein Finale einer langen Reihe von Aktionen …

Richtig. Das Museum arbeitete im Rahmen des Projekts mit sehr vielen Partnern zusammen. Zum Beispiel entwickelten Studenten der Hochschule in Kempten Erlebnis-Konzepte rund um Isny und Eugen Felle. Die Freiwillige Feuerwehr und die Luftsportgruppe ermöglichten den Blick von oben auf die Stadt. Der Schwäbische Albverein organisierte einen Panorama-Tag auf der Adel-egg. Das Unternehmen Dethleffs baut uns jetzt noch ein Bschütt-Fass mit Flügeln – eine original Felle Erfindung. Außerdem waren viele Kinder über das Schülerhaus, die Stadtbücherei, die Museums-AG, den Verein für Kinder und Jugendarbeit in Workshops, Kursen, Ferienaktionen oder in historischen Gebäuden in Isny.

Warum machen Sie „Heimat_Panorama“ gerade jetzt?

Weil die Postkarte und Eugen Felle im Jahr 2019 genau 150 Jahre alt werden – das Doppeljubiläum ist ein schöner Zufall. Vor 150 Jahren wurde das Versandformat in Europa offiziell genehmigt. Gleichzeitig kam Eugen Felle zur Welt. Die Postkarten gab es zunächst allerdings nur mit Text. Es dauerte bis Mitte der 1890er-Jahre, bis die erste Karte mit Bildseite auf den Markt kam.

Sind Sie ein Postkarten-Fan?

Absolut! Ich hatte im Laufe des Projekts sehr viele Karten in der Hand. Eine Postkarte wird immer mit Gefühl verschickt. Egal ob Urlaubsgrüße, Liebesgrüße, Feldpostkarten, Kunstpostkarten oder Glückwünsche. Selbst wenn man sie behält, ist sie ein mit Emotionen verbundenes Andenken.

Warum sind Postkarten von Eugen Felle etwas Besonderes?

Er war ein Pionier auf seinem Gebiet: Sein Talent war die darstellende Geometrie und Geografie, verbunden mit kunsttechnischen Fertigkeiten wie der schiefen Parallelprojektion. Als Erfinder der Vogelschauperspektive eröffnete er den Menschen eine ganz neue Sicht auf ihre Heimat. Seine frühen gemalten oder gezeichneten Postkarten sind Kunstwerke im kleinen Format. Sie gehören zum Schönsten, was malerische Postkartenkunst je hervorgebracht hat.

Wie umfangreich ist das Werk von Eugen Felle?

Eugen Felle gehörte zu den führenden Postkartenmalern und -verlegern im deutschen Raum. Derzeit kennen wir 14 000 verschiedene Felle-Motive. Jedes wurde mit minimal 1000 Stück Auflage gedruckt. Das heißt es müssen mindestens 14 Millionen Postkarten existieren. Wahrscheinlich sind es eher 100 Millionen. Leider ist nur ein minimaler Bruchteil davon erhalten und deshalb bei Sammlern, Archiven und Museen entsprechend gesucht und bewertet.

Hat Eugen Felle nur Städte und Landschaften gezeichnet?

Nein – keineswegs! Schon während seiner Akademiezeit in München bekam er Aufträge für Illustrationen. Unter anderem vom Kösel-Verlag für die Bücher des Pfarrer Kneipp oder für den ersten Radtourenführer des Allgäus. Er gestaltete auch viele Reklamekarten – eine originelle und nachhaltig wirksame Postkarte widmete er der Sauerkrautfabrik Carl Durach in seiner Heimatstadt Isny, heute ein großes Konserven-Unternehmen, zu dem auch Develey gehört. Außerdem gibt es eine ganze Reihe Jux-Postkarten, auf denen der Humor der Zeit zu sehen ist. Und viele technische Zeichnungen von Bahnhöfen zum Beispiel.

Was ist in der Ausstellung in Isny zu sehen?

„Heimat_Panorama“ zeigt Originale aus privaten und öffentlichen Postkartensammlungen. An einer Post Station lässt sich die Geschichte des Phänomens Postkarte erleben. Und ganz besonders sind die Darstellungen zum Thema Google Earth anno 1900. Außerdem stellen wir frühe Fotografien und Entwürfe aus – teils stark vergrößert und in den Raum projiziert.

Wo findet „Heimat_Panorama“ überhaupt statt?

Die Jubiläumsausstellung ist in der beeindruckenden Halle der Städtischen Galerie im Schloss in Isny zu sehen – einem ehemaligen Benediktinerkloster. Der Raum mit massiven Gewölben steht ausnahmsweise statt für zeitgenössische Kunst für ein regionalgeschichtliches Thema zur Verfügung.

Warum ist die Ausstellung nicht im städtischen Museum?

Das gibt es im Moment nicht. Das Museum zieht um – ins Schloss. Allerdings in den ersten Stock. Dort findet auch ein Teil von „Heimat_Panorama“ statt: Im Obergeschoß zeigen wir in einzelnen Räumen des zukünftigen Museums das „Making-of“ des Projekts Panorama_Partner. Dort sind Beiträge der Workshops und Aktivitäten ausgestellt mit Titeln wie „Postkarten weiter erzählen“, „Die architektonische Entwicklung der Stadt“, „Isny von oben“, „Panorama_Funde: Dinge finden ihren Weg ins Museum“ oder „Google Earth anno 1900“.

Ist die „Heimat_Panorama“ auch geeignet für Familien?

Absolut – die Postkarten zeigen viele Details, die manchmal fast an Wimmel-Bilderbücher erinnern. Dort gibt es auch immer wieder etwas zu entdecken. Außerdem gibt es eine Post-Station zum Mitmachen. Hier können alle Gäste, Kinder wie Erwachsene, selbst postalisch tätig werden.

Wenn Sie einen Slogan für die Ausstellung entwickeln müssten – wie würde der lauten?

Etwa so: „Heimat_Panorama“ – Bilder, Ideen, Szenen wie sie noch nie zu sehen waren. Genießen Sie Über-, Ein- und Ausblicke – und schicken Sie Grüße mit einer Postkarte!

(Artikel/Foto: Stefanie Böck, Schwäbische Zeitung vom 29. März 2019, Lokalausgabe Leutkirch/Isny/Bad Wurzach)