Isny – eine klug geplante Stadt

Roland Manz gibt Einblick in seine neuesten Erkenntnisse der Isnyer Stadtplanung und -entwicklung

Im Rahmen der Ausstellung „Isny von oben“ in der Gotischen Halle des Rathauses hat Roland Manz, Vermessungsingenieur und Heimatforscher, Einblicke gewährt in neueste Erkenntnisse zu den Anfängen der Isnyer Stadtentwicklung, die sich fast monatlich erweitern. „Isny von oben betrachtet bietet Auffälligkeiten, denen man unbedingt nachgehen muss“, resümieren Manz, der Fotograf Heinz Bucher und Landschaftsarchitekt Erhard Bolender, die zuletzt auch den Gemeinderat von ihren Entdeckungen unterrichtet hatten. Sie hoffen, dass bei der Planung zum Umbau des Marktplatzes ihre Überlegungen auch von den Planern mit einbezogen werden.

Neben den Auffälligkeiten bei der Draufsicht auf das oval geplante Stadtinnere 2016 war für das Dreigestirn der Fund eines Ziegelsteins mit eingeritztem Pentagramm eine weitere Motivation, den Ursprüngen der Stadt nachzugehen. Lagen nun den allerersten Stadtplanern kluge, astronomische oder gar religiöse Absichten zugrunde?

Gut 50 Interessierte drängten sich in die Gotische Halle zwischen den Postkarten Eugen Felles in den „Isny von oben“-Vitrinen. Sie waren gespannt auf die Erkenntnisse der Forscher, weshalb die Stadt innerhalb der Stadtmauern in ihrer Grundstruktur seit knapp 1000 Jahren – von oben betrachtet – so „daliegt“, wie sie es eben bis heute tut.

Kluge Gründungsväter

Die Gründungsväter hätten die bauliche Struktur nicht dem Zufall überlassen, ist Manz überzeugt. „Es stecken kluge, geometrische, astronomische, gar religiöse Planungsgrundsätze dahinter.“ Die drei Heimatforscher fanden die Grundlage für dieses städtebauliche Wissen bei Herrmann von Reichenau (1013 – 1054), dem Bruder des Gründers der Benediktinerabtei St. Georg in Isny, in seiner Zeit ein wohl weit bekannter Universalgelehrter. Wegen einer Behinderung wurde er auch Herrmann der Lahme genannt.

Vermessen auf den Katasterkarten der königlich-württembergischen Landesvermessung von 1826 bis 1830, in denen Bergtor (Kemptenerstraße) und Obertor (Lindauerstraße) noch eingezeichnet sind, stelle man zentimetergenau ein gleichschenkliges Dreieck mit einer Seitenlänge von exakt 1000 Isnyer Fuß fest, was 333 Metern entspreche, erklärte Manz. Solche städtebaulichen Grundstrukturen aus jener Zeit fänden sich auch in zahlreichen anderen Städten.

„Warum gleichschenkliges Dreieck, warum exakt die Zahl Tausend?“ So hätten sie sich gefragt und überlegt. Weil im Mittelalter Wissenschaft und Religion untrennbar miteinander verflochten war, lege sich eine Absicht nahe: Auf der Basis der Bibel stehe in der jüdisch-christlichen Tradition die Zahl Tausend symbolisch einerseits für die überschwängliche Barmherzigkeit Gottes, aber auch für eine gottgeschützte Zeitspanne durch alle Generationen. Das Dreieck sei Bedeutungsträger für das allsehende Auge Gottes und die Wahrheit seiner Dreieinigkeit. Lässt sich dahinter das Ur-Anliegen der Isnyer Ur-Stadtbaumeister erkennen? Dass Isny also eine gottgeweihte Stadt werden sollte?

Das ungleiche Dreieck in Richtung Südwesten zwischen Espantor, Obertor und Bergtor sowie dem Marktplatz als Mittelpunkt beider Dreiecke ist eigenartig geknickt. Dies habe, ganz sicher – und heute noch nachprüfbar – einen astronomischen Grund, behaupten die drei Heimatforscher.

Wärme- und Schattenspender

Zentralheizung und elektrischer Strom lasse moderne Menschen nicht mehr unmittelbar spüren, wie sehr sie von der Strahlkraft der Sonne abhängig sind. In alter Zeit war die Sonne Licht- und Wärmespender, viel mehr spürbar. Davon sind Manz, Bucher und Bolender überzeugt – und der Fotograf hat es selbst mehrfach nachkontrolliert und mit Aufnahmen belegt: Die Positionen der Tore und die Ausrichtung der Hauptstraßen folgen exakt den Richtungswinkeln der Wintersonnwende bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang und damit optimaler Sonnenstrahlennutzung für Häuser, Plätze, Märkte.

Bolender macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass die Häuser entlang der Hauptstraßen, vor allem in der Obertorstraße, nicht in einer geraden Flucht gebaut wurden, sondern immer wieder einen Versatz aufzeigen. Auch dies habe mit der Ausbeute der Sonnenstrahlen zu tun – oder auch mit beabsichtigten, kühleren Schattenbereichen.

Historisch nicht weniger interessant ist die ursprüngliche Bebauung des Marktplatzes mit der Barfüsser-Herberge der Franziskanerinnen, dem gräflichen Amtshaus, dem alten Rathaus und dem offenen Stadtbach. Wiederholt drückten die drei Heimatforscher bereits den Wunsch aus, dass bei der geplanten Marktplatz-Neugestaltung dem reichen historischen Fundus Rechnung getragen werde und er nicht geschichtsvergessen totsaniert wird. Die Zustimmung unter den Besuchern in der Gotischen Halle war unüberhörbar.

Der europaweit bekannte Isnyer Postkartenmaler Eugen Felle wäre heuer 150 Jahre alt geworden. Er hat im ganzen mitteleuropäischen Raum unzählige Postkarten mit Stadt- und Landschaftsmotiven detailgenau, vor allem aus der Vogelperspektive, gemalt und auch seine Geburtsstadt Isny in allen Perspektiven von oben ins Bild gebracht. Die Ausstellung „Isny von oben“ zeigt vergrößerte Formaten bis Anfang April in der Gotischen Halle des Rathauses zu den üblichen Öffnungszeiten. Eintritt frei. (ws)

(Artikel/Foto: Walter Schmid, Schwäbische Zeitung vom 28. Januar 2018, Lokalausgabe Leutkirch/Isny/Bad Wurzach)